Lernen – Drillen – Anwenden

von Prof. Martin Guggi

 

Um im Brazilian Jiu Jitsu eine Technik erfolgreich in sein Game zu integrieren ist es hilfreich, drei Dinge zu berücksichtigen:

  1. Techniken erlernen
  2. Techniken drillen
  3. Techniken im Sparring anwenden

1. Eine neue Technik wird vorgestellt. Der Professor erklärt die Prinzipien der Technik, die Schwerpunkte auf die geachtet werden müssen, geht auf die häufigsten Fehler der Technik ein und dann ist es an den Schülern, die Technik zu üben. Für dieses Erlernen einer neuen Technik wird gerade am Anfang viel Zeit investiert. Am Beginn tut man sich schwer, bei so vielen Techniken den Überblick nicht zu verlieren. Auch wenn man versucht die Technik bereits im technischen Sparring einzusetzen merkt man, dass man die Feinheiten noch nicht ganz verinnerlicht hat. Was braucht man also um eine neue Technik besser zu verstehen?

  • Welche Varianten von dieser Technik gibt es sonst noch?
  • Aus welcher Position kann ich diese Technik ausführen. Gelernt habe ich die Technik z.B. aus der Sidecontrol aber auf einmal wird mir klar, dass ich diese Technik vielleicht mit kleinen Abänderungen auch aus einer oder sogar aus mehreren Positionen einsetzen kann.
  • Wenn diese Technik nicht funktioniert kann ich sofort in die eine oder die andere mir bereits bekannte Position oder Technik wechseln.
  • Da wir Menschen alle grundsätzlich über dieselbe Anatomie verfügen reagieren wir Menschen im Grunde sehr ähnlich, da unser Körper auch nur gewisse Bewegungen ausführen kann. Wie reagieren also meine Partner wenn ich diese Technik ausführen möchte? Wie kann ich auf deren Verteidigung reagieren und meine Technik trotzdem erfolgreich anwenden?
  • Ist das eine Technik, welche besser mit oder ohne Kimono auszuführen ist? Funktioniert sie genauso oder mit kleinen Abwandlungen auch im NoGi? Wäre sie auch für die Selbstverteidigung einsetzbar oder öffne ich mich zu sehr, was im Wettkampf zwar egal ist, aber auf der Straße fatal wäre? Trainiere ich die richtige Technik für meinen Sport – BJJ im Kimono, NoGi, SV, MMA?
  • Wie muss ich die Technik ausführen, um meine Partner nicht zu verletzen? Was ist gefährlich?
  • Wo tue ich mir besonders schwer bei dieser Technik? Fehlt einfach nur die Erfahrung, oder habe ich persönliche Defizite z.B. bei der Beweglichkeit, bei der Kraft oder lasse ich wichtige Details und Feinheiten beim Ausführen der Technik aus?
  • Ein Lehrer hat einmal zu mir gesagt: „Bevor du eine Technik nicht 2 Monate lang trainiert hast, urteile nicht ob die Technik funktioniert oder nicht.“ Heute glaube ich er hatte Recht. Wenn wir manchmal eine neue Technik bzw. einen neuen Zugang zu einer Technik sehen glauben wir sofort, uns steht es zu urteilen zu können ob diese Technik für uns einsetzbar ist oder nicht. Unter der Vorrausetzung, dass ich meinem Lehrer vertrauen kann, dass er ein Experte in seinem Bereich ist – wird jede Technik funktionieren wenn ich nur genug Zeit in sie investiere. Mit einem höheren Level wird es jedoch leichter, ein Urteil abzugeben ob eine Technik für mich, mein Game und meine körperlichen Gegebenheiten sinnvoll ist oder nicht.

 

  1. Drillen:

Unter dem Begriff Drillen versteht man das häufige Wiederholen ein und derselben Technik. Um eine Technik zu Drillen sollte man den 1. Punkt schon hinter sich gebracht haben. Sprich, man sollte die Technik zumindest theoretisch verstehen, wissen wie man sie einsetzt und wie man seinen Körper, sein Gewicht und seine Gliedmaßen positionieren muss.

Wie kann man erfolgreich drillen:

  • Mein Partner kann mir verschiedene Impulse geben, auf die ich reagieren muss, um zu meiner Zieltechnik zu gelangen (z.B. ein Signal oder eine Bewegung)
  • Das Drillen kann nun immer komplexer werden. Ich kann z.B. einen Guardpass ,Sweep oder Takedown vor der Technik einbauen. Ich kann weiters auch Konter meines Partners einbauen, auf die ich nun auch wieder reagieren muss.
  • Nun kann ich schon versuchen, eine oder zwei kleine Reaktionen meines Trainingspartners einzubauen. Was wird er vorher tun, damit ich in diese Position komme? Wie wird er sich verhalten, wenn ich die Position eingenommen habe? Welche Winkel hat mein Partner, um sich zu bewegen. Wie kann ich meinem Partner immer einen Schritt voraus sein?
  • Vom Einfachen zum Komplexeren – Manche sehen eine neue Technik auf Youtube und wollen diese Technik kopieren und genauso einsetzen wie am Video. Das Problem ist, dass man vielfach aber nicht auf dem gleichen Niveau ist wie die BJJ Profis aus den Videos. Deswegen ist es sinnvoller die Techniken am Anfang zu zerlegen.
    • Zuerst versuche ich nur in die passende Position zu kommen. In welchem Winkel muss mein Körper zum Körper des Partners positioniert sein, um die exakte Position zu bekommen.
    • Als Nächstes nehme ich die Hände dazu – welche Griffe müssen meine Hände bekommen. Welche Abfolge brauche ich? Was ist Schritt eins, Schritt zwei usw. …
  • Wie lange sollte man Drillen? – das hängt ganz von der Technik, dem Level der Trainierenden oder der Schwierigkeit der Technik ab. 1 Minute ist am Anfang okay, sollte aber bald auf mindestens 2 oder 3 Minuten ausgeweitet werden, um auch die Kondition zu fordern. Wer auf 3 Minuten steigert ist schon in einem sehr hohen Niveau. Aufpassen muss man immer, dass man nicht schlampig, aber trotzdem gefordert wird. Keine Fehler einüben!
    • Eine Abwechslung kann das Drillen auch dadurch bringen, dass nicht ein Partner eine gewisse Zeit drillt und dann der andere, sondern dass man jeweils eine Technik durchführt und dann ist schon der andere Partner dran. Einfach den Timer auf 5 Minuten stellen und 1:1 drillen. Sinnvoll ist es wenn die Drills dann so enden, dass der andere sofort starten kann (z.B. Sweep – zur Mount Position – Guardrecovery und wieder Sweep oder Guardpass zur Backmount und Submission – Partner dreht sich um und er passiert die Guard.)
  • Wir kämpfen wie wir drillen! Das ständige Wiederholen einer Technik bringt nach einiger Zeit auch Erfolge im Rollen/Sparring. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: wer nicht drillt macht keine großen Fortschritte. Nur Sparring ist zu wenig. Die Art und Weise wie wir drillen ist aber auch entscheidend. Konzentriertes Drillen, exakte Griffe usw. müssen bei jeder Wiederholung perfektioniert werden. Die Technik muss richtig in Fleisch und Blut übergehen. Oder wie es Roger Gracie formuliert: „Drille nicht bist du eine Technik richtig machst, sondern solange bis du sie nicht mehr falsch machen kannst!“
  • Macht Drillen immer Spaß? Natürlich nicht. An manchen Tagen freut man sich einfach nicht aufs Training. Da bringt es dann etwas, wenn man sich einen Drillplan zurechtlegt und immer wieder variiert. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass ein bis zwei Monate drillen desselben Themas bzw. Technikblocks große Erfolge bringt. Das heißt aber nicht, dass ich immer dieselben Drills ausführen muss.
  • Verschiedene Trainingspartner bringen einen zusätzlichen Reiz beim Drillen. Auch wenn wir Menschen körperlich gleich aufgebaut sind, sind doch Unterschiede merkbar. Der eine ist schwerer, leichter, hat längere Extremitäten, bewegt sich schneller, langsamer usw. Partnerwechsel beim Drillen haben somit Vorteile. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ein Drillpartner mit dem man sich gut versteht im Grunde reicht, um sich gemeinsam weiter zu bringen. Es wäre ideal, wenn wir mehrere Partner zur Auswahl hätten, aber meistens werden wir froh sein wenn wir uns auf einen regelmäßig verlassen können.
  • Was sollte ich drillen? Es gibt Phasen im BJJ bei denen wir nicht wissen wo wir anfangen sollen. An diesen Tagen sollte man sich zwei Fragen stellen: 1. Was kann ich sehr gut? Zu welchen Positionen komme ich immer wieder und bin auch erfolgreich damit? Unser Game wird immer Lücken aufweisen und wir können nur eines nach dem anderen in Angriff nehmen. Wenn mir etwas liegt, macht mir das auch Spaß und das ist ein guter Ansatz um noch besser zu werden. 2. Was kann ich überhaupt nicht? Wenn ich mit meinen Teamkollegen rolle fällt mir immer wieder auf, dass ich in der ein und derselben Position stecken bleibe. Dass ich Ideenlos bin, wie ich diese Situation lösen oder verbessern kann. Und dies ist der zweite Ansatz um zu drillen. Ergänzend sollte man sich auch die Frage stellen, ob ich ein ausgeglichenes Game habe. Habe ich Angriffe aus den Top Positionen? Oder bin ich ein reiner Guardspieler? Baue ich Takedowns in mein Drillen ein? Wer sich selbst immer wieder kritisch betrachtet und beim Sparring aufmerksam ist wird sehr schnell erkennen, was seine Stärken und Schwächen sind. Sich selbst gegenüber objektiv zu sein und sich selbst kritisch zu betrachten ist also nicht nur im Leben hilfreich.
  • Arten der Drills:
    • Technikdrills – Ziel ist es eine Technik zu verinnerlichen.
    • Transition Drills – man versucht einen Position zu wechseln oder auf eine Bewegung eines Partners zu reagieren.
    • Speeddrills – Unter Speeddrills werden schnelle und einfache Bewegungsabläufe verstanden. Es ist möglich einen oder zwei Tage in der Woche zu planen, an denen nur Speeddrills ausgeführt werden. Diese Tage brauchen erfahrungsgemäß weniger Zeit, sind aber sehr intensiv. Das bedeutet ich versuche an diesen Tage meine Schnelligkeit und meine Reaktion zu verbessern und keine komplexeren Bewegungen zu perfektionieren.
  • Wann sollte ich drillen? Diese Frage ist eher theoretisch. Denn es ist nie falsch zu drillen. Wenn ich einen Partner zur Verfügung habe kann ich entweder rollen oder gemeinsam drillen. Meistens wird es aber daran scheitern, dass ich keinen Partner zur Hand habe. Ich habe vor dem Training gedrillt, nach dem Sparring und mich mit Trainingskollegen getroffen um einfach nur einen Stunde lang zu drillen. Alles hat seine Berechtigung. Vor dem Training bin ich ausgeruht und frisch und kann mich auf komplexere Techniken einlassen. Nach Sparringseinheiten ist man müde, muss sich aber überwinden sein Game kritisch zu hinterfragen und an seinen im Sparring vorhandenen Schwächen zu arbeiten. Am meisten freut mich das Sparring in eigenen Drill-Einheiten. Wo ich weiß ich brauche keine Energie zurückhalten sondern kann mich voll und ganz auf das Sparring einlassen und mich der Technik hingeben.
  • Minddrilling: Das Drillen verstärkt nicht nur die Technik sondern schärft auch die Einstellung. Der Fokus den man braucht, um regelmäßig zu drillen wird nicht von vielen aufgebracht. Sparring macht natürlich mehr Spaß – trotzdem kann das Drillen nicht ersetzt werden. Wir trainieren nicht nur den Körper sondern im Endeffekt immer unseren Kopf. Unsere Einstellung entscheidet wie erfolgreich wir sein werden und ob wir unsere Ziele erreichen werden – aber Nichts wird einem geschenkt. Wir müssen auch dafür einen Preis bezahlen….
  • Wer viel drillt ist auch überzeugt, dass seine Techniken funktionieren. Dieses gesteigerte Selbstvertrauen ist ein wichtiger Schritt um in richtige der Situation nicht zu zögern sondern die Technik einzusetzen. Ich habe sogar von Weltmeistern gehört dir mir berichtet haben, dass sie lange Zeit mit einer Technik erfolgreich waren obwohl sie strenggenommen physikalisch falsch ist und nicht funktionieren sollte. Aber der Glaube an sich und in seine Techniken und Fähigkeiten kann schon mal die Physik außer Kraft setzen.
  • Drillen statt Konditionstraining: Das Drillen mit der richtigen Intensität kann auch die Kondition erheblich steigern. Nicht erst einmal ist es mir ausgefallen, dass Schüler welche keine 2 Minuten beim Drillen durchhalten auch beim Sparring über wenig Ausdauer verfügen. Aber bevor die Minuten oder die Wiederholungen nach oben geschraubt werden sollte die Technik richtig gemacht werden.
  • Winning means Drilling: BJJ ist für mich deshalb ein so faszinierender Sport, da es ab einem gewissen Level nicht mehr um Größe oder Gewicht geht. Es geht einfach darum wer seine Techniken besser beherrscht – sprich wer mehr Zeit ins Drillen investiert hat. Anfangs halten wir uns mit Ausreden zurück – dass schaffe ich nie, ich bin einfach zu leicht, ich bin einfach zu schwach usw. Im Endeffekt ist das jeder solange bis er anfängt seine Technik zu verbessern. Technik steht über allem – kein Krafttraining wird das Techniktraining jemals ersetzen können, auch wenn es natürlich eine Ergänzung sein kann. Weiters kommt noch das Verständnis über seinen eigenen Körper hinzu. Man kann noch soviele DVDs und online Techniken anschauen, in Endeffekt kann eine Technik nur von mir erfolgreich eingesetzt werden. Welches Timing, welche Winkel usw. ich dafür brauche kann ich zwar von Mehrfachen Weltmeistern hören, aber erfahren muss ich es mit dem eigenen Leib.

 

  1. Anwenden im Sparring

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können nun erfolgreich mehr Techniken einsetzen als zuvor. Das Sparring wird mehr Spaß machen als zuvor. Ich bin nicht mehr derjenige mit dem alle tun können was sie wollen sondern sehe erste Erfolge.

Sparring ist Erfahrungsgemäß lustiger als Drillen. Fortgeschrittene Leute investieren aus meiner Erfahrung mehr Zeit ins Drillen als ins Sparring. Im Sparring wird man nicht besser, sondern das Sparring macht einen resistenter. Um technisch zu werden, hilft nur Drillen.

In jedem Sport trainiert man, um im Wettkampf besser zu werden. Im BJJ ist das das Sparring. Um jedoch im Sparring besser zu werden, muss ich das Sparring zerlegen und mein Training in Drills aufteilen. Drillen ist das Kernstück, um besser zu werden und erfolgreiche Athleten investieren viel Zeit und Energie ins Verinnerlichen der einzelnen Techniken.

In meiner Schule hängt ein Motivationssatz: „Der Unterschied zwischen dir und deinem Idol im BJJ ist die Anzahl der Wiederholungen, die er absolviert hat!“ Nicht der Körper oder die Kondition ist der limitierende Faktor wenn jemand ein Champion geworden ist oder nicht, sondern die Anzahl der Wiederholungen!

Technik erlernen – DRILLEN – Anwenden

Das Drillen in Verbindung mit dem Sparring

 ist das Geheimnis des Erfolgs – so einfach ist es!