1. Teil – Fehler beim Drillen

Wie man im BJJ NICHT drillen sollte!

 

von Prof. Martin Guggi

 

Sich im BJJ mit anderen zu vergleichen hilft nicht deiner eigenen Entwicklung. Wir alle haben unterschiedliche Vorausetzungen – physische, anatomische, genetische oder konditionelle. All dies beeinflusst aber unsere Techniken beziehungsweise unseren Gameplan im BJJ. Wenn wir uns also mit anderen Vergleichen dann sollte dieser Vergleich auf einer Ebene passieren auf der er sinnvoll ist. Nehmen wir zwei Trainingspartner her, welche die gleichen Techniken drillen. Der eine macht in 2 Monaten unheimlich gute Fortschritte, der andere jedoch kaum. Dies kann zu einem an den Techniken liegen, die gedrillt werden – welche vielleicht besser zur Anatomie und Beweglichkeit des ersten Partners passen als zum Zweiten. Die Techniken eines Trainingspartners oder Lehrers ungefiltert zu übernehmen, macht auf höherem Niveau keinen Sinn mehr. Basistechniken sollten jedoch zum Großteil unabhängig von verschiedenen Voraussetzungen anwendbar sein. Wenn man sich jedoch mit seinem Drillpartner vergleicht, dann sollte man den jeweiligen individuellen Fortschritt gegenüberstellen. Sprich, in welchen Bereichen haben sich die beiden Partner wie weiterentwickelt? Egal auf welchem Niveau jeder gestartet ist, egal wie die jeweiligen anatomische Grundvoraussetzungen waren – was zählt ist, ob ich mich im Vergleich zu meinem Trainingspartner ebenfalls verbessert habe oder nicht. Kann ich meine Techniken, auf die ich mich fokussieren wollte, nun im Sparring anwenden?

 

Da dies jedoch nicht immer der Fall ist, wollten wir einen Artikel verfassen, um auf die Fehler beim Drillen näher einzugehen. Ich bin ein großer Befürworter des Drillens. Um Fortschritte zu machen müssen einzelne Bereiche, einzelne Situationen oder Techniken gesondert trainiert werden. Trotzdem ist drillen nicht gleich drillen. Es gibt Unterschiede wie die Zeit auf der Matte genutzt werden kann.


Es kommt nicht drauf an wie viel Zeit du auf der Matte verbringst,

was zählt ist wie oft du dich weiterentwickelst!


Nichts ist frustrierender als wenn sich mein Drillpartner weiterentwickelt, ich aber in meiner Entwicklung stehen bleibe.

 

Was sind die Hauptfehler beim Drillen?

 

  1. Erfolg ist nicht erzwingbar!

Wie oft haben wir schon folgenden Satz gehört: „Alle werden besser nur ich nicht!“ Erfolg ist ein Nebenprodukt vom richtigen Training. Erfolg kann ich aber nicht erzwingen, er ist auf einmal da und keiner kann sagen wann es soweit sein wird, dass ich die eine oder andere Techniken anwenden kann und damit erfolgreich bin. Das gleiche Training kann auch beim einen oder anderen auch unterschiedlich lange dauern.

Man kennt Leute, die kommen in den Verein, trainieren zwei Monate und sind besser als viele andere. Auf der anderen Seite gibt es Leute, bei denen tut sich lange Zeit nichts, trotz regelmäßigen Trainings und nach längerer Zeit sind sie urplötzlich um Welten besser als noch vor einer Woche…

Erfolgt kann nicht erzwungen werden. Wenn du dich jedoch auf der Matte wohl fühlst, Training dir einfach Spaß macht und eine gewisse Befriedung bringt, wirst du über kurz oder lange auf jeden Fall besser werden. Wer auf seine Verbesserung, auf seinen Erfolg wartet, hat meiner Meinung nach eines nicht verstanden: 
Du hast dich fürs BJJ entschieden. Du hast dich dazu entschieden Zeit in deine Entwicklung zu investieren. Vergiss also nicht, dass du daran in erster Linie Spaß haben solltest, und wenn du locker lässt und eine Entwicklung nicht erzwingst, wird sich der Erfolg von ganz alleine einstellen.

Ich persönlich freu mich jedes mal wenn ich mir meinen Gi oder mein NoGi Outfit anziehe wie ein kleines Kind. Dabei geht es mir primär nur um eines: Es macht mir verdammt nochmals Spass, ich bin in meinem Element. Ich habe natürlich auch gute und schlechte Tage, aber wenn ich in diesen sogenannten Flowzustand komme weiss ich dass ich voll und ganz im Moment angekommen bin und nirgends lieber wäre als hier und jetzt mit meine Trainingspartner, Freunden und Konkurrenten.

 

  1. Den Gesamtblick nicht vergessen!

Wenn ich diese eine bestimmte Technik trainiere, werden sich welche Teilbereiche meines Games verändern? Von welchen unterschiedlichen Situationen kann ich wieder zu dieser Technik zurückkommen?

Oft fallen mir Schüler auf, welche sehr brav und intensiv drillen. Trotzdem werden sie nicht wirklich besser. Warum? Eine Technik auf die man sich konzentriert, muss eingebettet sein in ein größeres Ganzes. Z.B Du willst deine Guard verbessern und trainierst immer aus der close Guard. Deine Angriffe sind besser geworden aber du hast dir nicht überlegt, wie du bereits aus dem Standup in die close Guard kommen kannst. Du hast dir nicht überlegt, wie du aus verschiedenen Escapes, Sweeps oder Transitions wieder zur close Guard kommst. Deine Techniken müssen in deinen Gameplan eingebettet sein. Überlege dir also für jede einzelne Technik wo ihr Platz in deinem Gameplan hat und wann und wo du sie überall einsetzen kannst. Zeichne ein Mindmap für dich selbst und bauen dieses immer weiter aus. Vernetzte deine Techniken. Jede Technik ist ein Puzzelteil welches dein Gesamtkunstwerk (deinen Gameplan) vervollständigten muss. Wenn das Puzzelteil nicht zu deinem Gameplan passt war die Zeit nicht verloren aber es ist gut, dass du dir darüber ständig Gedanken gemacht hast, was für Puzzelteile du noch brauchst und vollständiger zu werden.

 

  1. Techniken werden gedrillt aber nicht im Sparring angewendet!

Dieser Fehler ist leider sehr häufig. Man drillt stundenlang aber beim Sparring kommt man nie in die Position, um die gedrillte Technik anzuwenden. Manchmal muss man sich selbst dazu zwingen die Techniken auch im Sparring einzubauen. Wenn ich aber z.B. eine Verteidigungstechnik gedrillt habe, meinem Sparringspartner aber nie die Gelegenheit gebe zuerst den Angriff zu starten, bevor ich meine Technik einsetzen kann, werde ich nie das richte Timing oder das Erkennen der Situation im Sparring verbessern können. Beim Sparring kommt man selten genug in die Situation, wo ich meine Techniken einsetzen kann, deswegen muss ich umso mehr meine Trainingspartner dazu „einladen“, mir die Reaktion zu geben um meine Aktionen anzubringen. Technische Sparringseinheiten aus bestimmten Situationen sind daher unumgänglich um deine Techniken zu verfeinern und die Reaktionen und fürs Sparring anzupassen.

Speziell wenn man Escpaes verbessern möchte, weiss man ob man sein Ego kontrollieren kann oder nicht… wie oft glaubst du wirst du für eine Submission tappen bevor der Escape funktioniert???

 

  1. Zu langes Drillen derselben Technik!

Wie oft ist es mir selbst so ergangen, dass ich von einer Technik überzeugt war und diese Technik erlernen wollte. Nach dem Drillen und Perfektionieren dieser Technik für über 3 Monate musste ich zugeben, dass ich weder in die Situation komme um diese Technik anzuwenden noch, dass diese Technik wirklich zu meinem Game passt. Ich musste mir sogar zugestehen, dass ich für manche Techniken zu unbeweglich war… und eigentlich an meiner Beweglichkeit zuerst arbeiten müsste.

Nur weil eine Technik bei jemand anderem gut ausgesehen hat oder ich auf YouTube fasziniert von der Bewegung war, heißt das noch lange nicht, dass diese Technik zu mir passt.

Meiner Erfahrung nach sollte eine Technik nicht länger als 2 Monate lange gedrillt werden. Egal ob sie dann eingesetzt werden kann oder auch nicht, jetzt sollt das Drillprogramm wieder überdacht und neu ausgearbeitet werden. Nach 2 Monaten sollte man sein Programm neu ausarbeiten und es ist auch uns schon passiert, dass auf einmal Situationen im Sparring entstehen, wo genau die zuvor gedrillten Techniken plötzlich ihre Anwendung finden. Manchmal kommen diese Momente aber auch erst nach mehreren Monaten.

Perfektion einer Technik ist wichtig, dein Game sollte aber viel mehr Bereiche haben, die du verbessern solltest, als nur an einer Technik haften zu bleiben.

 

  1. Schlechte Nutzung der Zeit!

Der Timer wird auf 3 Minuten gestellt. Nun ist deine Zeit zu drillen bevor wieder dein Partner an die Reihe kommt. Wenn du weißt was du tust, dann solltest du die Zähne zusammenbeißen und einfach Gas geben. Manche Trainingspartner überprüfen 5x ober der Griff passt, ob das Körpergewicht richtig verlagert wurde, ob die Fußstellung 100% passt. Dies alles hat seine Richtigkeit, aber nicht, wenn du die Technik schon seit 3 Wochen trainierst. Wenn du neu mit dem Drillen einer neuen Sequenz beginnst, dann überprüfe und überdenke jedes Detail. Wenn du aber weißt was du tust, dann musst du einfach auf deine Wiederholungen kommen ohne viel nachzudenken. Du musst im Kopf zum Roboter werden! Dein Partner arbeitet schon wie eine Maschine und du bist noch immer dabei, dir zu überlegen, ob es nicht etwas noch Besseres gibt…. Das ist Zeitverschwendung, wird dich ausbremsen und wird deinen Partner in der gleichen Zeit schneller entwickeln lassen als dich! Was ich absolut nicht mag ist, wenn der Trainingspartner mir beim Drillen Fragen stellt. Es ist Drillzeit und keine Lehrzeit. Drillen sollte man Techniken, die man bereits kann. Kleine Tipps und Rückmeldungen sind immer willkommen aber eine Drilleinheit kann nicht zu einer Privatstunde werden!

Verwende das Reden beim Drillen auch nicht dafür Zeit zu bekommen um deiner fehlender Ausdauer eine Pause zu gönnen. Drillen wächst auch mit der Zeit. Fang nicht mit 3 Minuten zu drillen an wenn dir die Puste nach 1 Minute bereits ausgeht. Überspiele deine schwache Kondition oder gesundheitlichen Zustand aber nicht sonder gestehe dir selbst ein was dein Momentaner Ist-zustand ist.  

 

  1. Es werden keine Reaktionen eingebaut!

Einzeltechniken wurden von dir bereits perfektioniert. Nun ist es aber an der Zeit Reaktionen des Partners einzubauen, um so die Bewegungen des Partners bereits ins Drillen zu integrieren. Ein Sparringskampf verändert sich von einer Sekunde zur nächsten. Nie wird man alle Bewegungen des Partners vorhersehen können. Da unsere Anatomie aber aus zwei Armen und zwei Beinen besteht, die an einen Rumpf angebracht sind, können gewisse Reaktion vorhergesehen werden. Diese müssen dann ebenfalls gedrillt werden. Wir trainieren keine Formen, welche so angewendet werden können wie beispielsweise im Karate. Unser Sport besteht aus zwei Gegnern die im Rahmen des Regelwerks alles tun dürfen, um den anderen zu submitten. Wer also bereits im Drillen Situationen schaffen kann, die gewissen Reaktionen vorhersieht, wird diese dann auch im Sparring schneller antizipieren können.

 

  1. Alle Aspekte des BJJ trainieren

Ich habe lange Beine. Wenn ich Leute in meiner Guard halte, fühle ich mich sehr wohl. Heißt das, dass ich nur Guard trainieren soll? Wir verbessern uns nur dann, wenn wir uns fordern. Das heißt wir müssen bewusst Positionen drillen und verbessern, die wir nicht mögen oder die uns einfach nicht liegen. Was hilft es mir wenn ich aus der Guard super sweepen kann aber nicht trainiert habe, die Position nach dem Sweep zu stabiliseren und aus dieser Position die Submission zu suchen?

Das BJJ Game besteht nicht nur aus folgenden Aspekten, die sehr häufig trainiert werden.

  • Takedown
  • Guard
  • Passes
  • Submission

 

Auch folgende Aspekte muss man drillen, wenn man ein komplettes Game vorweisen will:

  • Escapes
  • Leglocks
  • Guardpull
  • Griffbrechen
  • Speed und Pressure Passes
  • Counters
  • Transitions zwischen Guardvarianten
  • Scarmbles

 

  1. Nicht nur Techniken drillen, sondern auch den Kopf!

Je realitätsnaher ich mein Training einem Wettkampf bringen kann, umso besser ist es für meine Leistungen. Natürlich kann ich nicht immer auf diesem Leistungsniveau trainieren, aber zum Großteil meiner Zeit muss ich dies zum Ziel haben.

Jedes Game, das wir unserem Gegner aufzwingen können, bringt uns näher zum Sieg. Deshalb möchte ich aktiv kämpfen, den ersten Schritt setzen, die erste Aktion starten. Dies muss auch beim Drillen bewusst verinnerlicht werden. Ich glaube Escapes und Verteidigungen müssen trainiert werden, mein Game kann aber nicht auf Konter, Escapes und Verteidigungen aufgebaut sein, sondern sollte immer auf Angriff ausgerichtet sein. Dies geht sogar so weit, dass einer meiner Trainingspartner mir einmal erklärt hat, dass er keine Escapes trainiert, da er immer Angreifen und Aktionen starten möchte. Dieser Meinung bin ich nicht, aber der überwiegende Teil meines Trainings sollte mit dem Mindset und der Einstellung trainiert werden, wie ich es auch im Wettkampf oder im Sparring machen würde.

 

  1. Überprüfe deine Einstellung

Manchmal sind wir so verbohrt oder überzeugt von einer Technik, dass wir gar nicht daran denken, dass es auch andere Wege zu gewinnen gibt. Manche Leute wollen unbedingt den Takedown und verbieten es sich selbst Guard zu ziehen. Grundsätzlich haben diese Leute recht, der Takedown ist höherwertiger als ein Guardpull. Doch sind wir Submission Fighter und keine Judoka oder Ringer, welche durch einen Takedown gewinnen.

Ich selbst bin kein Freund von Footlocks, doch irgendwann war auch für mich die Zeit gekommen, mich intensiver mit Heelhooks und Co auseinander zu setzen.

Bauen wir uns keine eigenen Blockaden im Kopf auf sondern nehmen wir uns auch immer wieder die Zeit unsere eigene Sichtweisen zu überdenken und weiterzuwachsen.

Manche Leute sind nach wie vor gegen das Training im Kimono. Es werden genügend Argumente für das Training im Gi und auch für das NoGi-Training sprechen. Ein Argument hat mir aber noch keiner widerlegen können, das für Gi Training spricht:
Wenn du im BJJ besser werden möchtest, solltest du jede Möglichkeit nutzen um zu trainieren – sprich egal ob jemand mit Gi oder ohne trainiert. Wenn ich die Möglichkeit habe, die Matte mit einem Partner zu betreten, werde ich das tun – egal ob mit oder ohne Kimono!

 

  1. Wir drillen, um im Sparring besser zu werden und nicht um im Drillen besser zu werden!

Drillen und Sparring sind die Hauptpunkte, um sich für den Wettkampf vorzubereiten. Das Drillen sollte aber immer mit dem Fokus stattfinden:
Was bringt mir diese Wiederholungen im Wettkampf?
Unser Ziel ist nicht Drillweltmeister zu werden, sondern nach wie vor Leute zu submitten. Das Drillen ist also eine Zubringerleistung. Umso realitätsnaher sie dem Sparring oder Wettkampf kommt, umso besser. Mit der Zeit muss aber das Sparring bzw. Technische Sparring beim Drilltraining ebenfalls eingebaut werden.

Wir drillen 2h pro Tag. Erste Einheit am Morgen; nur Drills – Vollgas. Zweite Einheit am Nachmittag 30 min Drills, 30 min technisches Sparring zu den Drills.
Nehmen wir an: unseren Drills behandeln den Bereich Collar and Sleeve Guard. Dann werden wir im technischen Sparring immer aus Collar and Sleeve starten und versuchen unsere Techniken auch anzubringen. Das Drillen muss also auf den Wettkampf ausgerichtet werden. Wenn ich aber rolle, komme ich vielleicht gar nicht zu der Position, die ich gedrillt habe.

Folgend ein Beispiel für den inhaltlichen Aufbau und Ablauf einer Drilleinheit mit dem Thema Collar and Sleeve:

  1. Drillen – z.B. Collar and Sleeve, submissions, sweeps, transitions – Gibt es noch eine Reaktion die mich überraschen könnte???
  2. Einfaches technisches Sparring – z.B. aus Collar and Sleeve – Sweep = Neustart, Submission = Neustart, Guardpass = Neustart
  3. Fortgeschrittenes technisches Sparring – z.B. Start im Stehen – Partner lässt mich Guardpullen zu Collar and Sleeve und dann startet das technische Sparring aus der Position.
  4. Freies Rollen aus Collar and Sleeve bis zur Submission.
  5. Freies Rollen – mein Fokus bleibt bei Collar and Sleeve

Abschließend sollte folgender Aspekt beim Drillen immer im Fokus liegen! Wie kann ich die Zeit am Besten nutzen um, in der von mir ausgesuchten Disziplin, die effizientesten Fortschritte zu machen. Nicht meine subjektive Einstellung von mir und meinen Fähigkeiten ist entscheidend was gedrillt wird sondern was objektive für meine Entwicklung am sinnvollsten ist. Wer sich nicht selbst fordern kann, wird keine Fortschritte machen. Und seien wir uns ehrlich. Jeder der schon lange auf der Matte steht, hat in erster Linie Freude an den Bewegungen des BJJ, die Freude wird durch den Erfolg einer neu erlernten Technik oder einer Submission aber ins unendliche gesteiert.